Nächstenliebe – was ein Umzug offenbart

Nächstenliebe

Nächstenliebe. Ein sich selbst erklärender Begriff. In den letzten Wochen habe ich einiges über eben solche erfahren. Davon würde ich gerne heute ein bisschen erzählen. Ich lade Dich also ein, ein Stück mit mir zu gehen und Dir meine Gedanken mitzuteilen.

Nächstenliebe ganz nah- die Nachbarn:

4 Jahre habe ich in Holsterhausen gelebt. Drei Jahre davon, gemeinsam mit meiner kleinen Maja. Die Hundedame, die mir jeden Tag fehlt. 4 Jahre in denen ich viel über mich selbst gelernt habe, wenig Rücksicht nehmen musste und eine großartige Zeit in einer viel zu großen Wohnung verbrachte. Etwas melancholisch war ich schon, als ich den letzten Karton gepackt hatte. Viele Erinnerungen verbinde ich mit diesem Ort und viele Momente, die ich gerne erlebt habe.

Kurz bevor der LKW vorfährt, steht ein kleines Geschenk vor meiner Tür. Brot und Salz, eine kleine Blume, eine unglaublich liebe Karte mit schönen Worten. Meine Nachbarn verabschieden sich. Ich muss gehörig schlucken. Welch liebevolle Geste, unerwartet und wunderbar. Sie werden mir fehlen. Andrea mit Ihrem Fahrrad und Rene, der immer den ‚gelbe Tonne‘ Dienst für mich übernommen hat.

Auch Sarah von ganz oben wird mir fehlen. Sie hat mir einen ganzen Schwung Kartons für den Umzug geliehen. Einfach so, als ich gefragt habe, ob noch jemand welche über habe.

In den vergangenen Tagen hatte ich einige Teile bei Ebay Kleinanzeigen inseriert. Hier ein Regal, dort eine Vase. Es war einfach viel zu viel, um alles mit in die neue Wohnung zu nehmen. Schließlich ziehen wir jetzt zusammen, haben sehr viel doppelt und wollen uns auch nicht total zu stellen. Wer will das schon?

Selbstliebe – Loslassen: 

Also komme ich zu einem weiteren, nicht unwichtigen Punkt. Loslassen. Besitz loslassen. Ich bin nicht der Mensch, der sich schlecht trennen kann. Wir haben vorab grob abgestimmt, wer welche Möbel mitnehmen wird und uns innerlich damit abgefunden. Trotzdem habe ich es stellenweise als faszinierend empfunden, wie sehr ich an dem ein oder anderen Teil festgehalten habe, als bedeute es etwas. Ich empfand mich als sperrig. Hatte ich doch tatsächlich gedacht, ich könnte, ganz ‚Komfortzonen- konform‘ einfach meinen Hausstand so adaptieren, wie ich es mir ausgemalt hatte. Als mein Freund nicht einverstanden war, meine prall gefüllte Kosmetik Kommode (völlig absurd, so etwas zu besitzen) in unser neues, gemeinsames Schlafzimmer zu stellen, war ich regelrecht verzweifelt. Wo sollte ich denn nun bloß hin mit den ganzen Dingen?

Ein Wechselbad der Gefühle zwischen Wut, Ungerechtigkeit und Resignation erwischte mich. Nachdem ich mich beruhigt hatte, wir gemeinsam ein paar Plätze fanden an denen ich meine ‚Schätze‘ aufbewahren konnte, musste ich lachen. Ich hatte ja vorab ausgemistet. Hin und her gerissen zwischen, ‚lass los‘ und ‚das kann man aber noch brauchen- getreu der Nachhaltigkeit und dem Upcycling‘  war ich wirklich mit dem Müllsack durch meine Wohnung getigert.

Zurück zu den Menschen, die mir begegnet sind – Nächstenliebe für andere:

Ich stellte mein Ikea Regal ein, schaute, was es neu gekostet hatte und begann  mit 35 Euro. Als erstes meldete sich eine Frau. Sie wollte 30 bezahlen und am nächsten Tag vorbei kommen. Ich sagte zu. 10 Minuten später, hatte ich 20 Nachrichten von weiteren Leuten, die alle mehr bezahlen wollten und sofort vorbei kommen wollten. Ich bin ein Mensch, der zu seinem Wort steht. Natürlich bin ich dabei geblieben, und habe die Frau abgewartet.

Aber ich hatte überlegt. Das hat mich nachdenklich gemacht. Nur, weil ich selbst schon des öfteren Pech gehabt hatte ( dazu später mehr) mit Ebay Kleinanzeigen, muss ich mich ja jetzt nicht selbst auch so verhalten. Ich kenne einige Menschen, die einfach nur schauen, was am meisten Profit bringt, denen es, solange sie die Leute nicht persönlich kennen, vollkommen egal ist, ob jemand nun enttäuscht ist, weil er den Zuschlag nicht bekommen hat. Und klar, ein Umzug ist teuer und jeder Euro, den man noch mitnehmen kann, ist gut. Trotzdem. Ich hatte zugesagt und blieb dabei.

Sie kam am nächsten Tag pünktlich und mit einem Werkzeugset. Das Regal wollte sie für Ihre Schwester besorgen. Diese bastelt so viel und braucht dringend Platz für Ihre Utensilien. Die Dame wollte sich bedanken, weil ihre Schwester ihr ein riesen Bild an die Wand gemalt hatte. Es war wunderschön, sie hat es mir gezeigt. Sie erzählte, dass sie genau das erlebt hatte, worüber ich nachgedacht hatte. Das sie das Regal schon kaufen wollte und ihr der Verkäufer wieder abgesagt habe, weil jemand anderes mehr bezahlen würde. Sie fand das ungerecht und gemein. Sie hatte recht. Kurz schämte ich mich innerlich. Dann habe ich mit Ihr gemeinsam das Regal in Ihr Mini Auto verstaut und wahrgenommen, dass sie sich für Sea Shepherd einsetzt, eine Organisation, die viel für Tiere tut. So eine liebenswerte Frau. Eine lehrreiche Begegnung.

Nächstenliebe für Fremde:

Einige Teile wollte ich nicht verkaufen, auch wenn der Trödelmarkt vor der Tür stand und ich noch einiges bei Ebay einstellen könnte, hatte ich Lust, jemandem eine Freude zu machen und etwas zu verschenken.

Ich suchte diverse Dinge zusammen, Tassen, Teller, Rollerblades, Besteck. Alles fand in kürzester Zeit einen Abnehmer. Manche Leute waren anstrengend, machten Termine und kamen nicht, oder wollten sich nur die Rosinen heraus picken. Andere brachten Eis und selbstgemachte Marmelade mit.

An die Marmeladenfrau erinnere ich mich besonders gut. Eine attraktive, junge Mutter mit einem bezaubernden kleinen Jungen. Sie holte die Tassen ab. Sie war so dankbar und lieb, dass ich mich sofort gefragt habe, ob sie wirklich Tassen braucht, weil sie sich keine kaufen kann, oder ob sie einfach clever und sparsam Ihren Alltag lebt. Diese Begegnungen mit Menschen, die sich nicht schämen, etwas abzuholen, das zu verschenken ist, fand ich sehr inspirierend. Es waren keine Obdachlosen, es waren ganz normale Leute wie Du und ich. Natürlich wünsche ich mich selbst und auch anderen Menschen nicht, dass sie finanziell in eine so missliche Lage kommen, dass sie auf Geschenke angewiesen sind- aber wenn man dem ganzen einen anderen Blickwinkel gönnt- ist es weder peinlich noch blöd, sich auch auf diese Weise auszutauschen. Ich habe mich sehr über die Marmelade gefreut und über die Dankbarkeit dieser Frau.

Ich bin mittlerweile so geprägt von diesem ganzen Kaufrausch, dass ich mich dahingehend wirklich umerziehen muss. Mir sagen muss- ’nein, das brauche ich nicht‘ und ’nein, das will ich eigentlich nicht‘. Ich möchte viel lieber kreativ sein, und mich selbst überraschen. Meistens gefallen mir nämlich die Dinge am besten, die jemand selbst gemacht oder umgestaltet hat. Ich denke da an meine liebe Freundin Kathleen, die mal aus einer Ikea Kommode ein Kunstwerk gemacht hat. Oder an meine Yogalehrerin Kristina, die ein altes T Shirt mit einem Bild bedruckt hat, dass sie im Netz gefunden hat. Sie hat es dann zurecht geschnitten und sich somit ein Einzelstück geschaffen. Wunderbar. Sowas fasziniert mich.

Natürlich habe ich mich auch geärgert über einige Kontakte bei Kleinanzeigen. Mindestens 3-4 mal ist es vorgefallen, dass jemand ohne abzusagen nicht erschienen ist. Das fand ich total gemein. Da verschwendet jemand meine Zeit, die so kostbar für mich ist. Ich hoffe, auch diese Menschen reflektieren irgendwann mal ihr Verhalten. Hier findet ihr noch ein paar Ebay Anekdoten 🙂

Eine Anekdote habe ich noch für Euch, bevor ich zum Schluss komme:

Morgens um 9 klingelte es. Ich hatte nur einen Bademantel an, kam gerade aus der Dusche und fragte in den Hörer, wer sich ankündigte. Man wolle ein Bild abholen. ‚Muss was von Tim sein‘, dachte ich. Mmh, da sollte eigentlich erst jemand um zehn kommen. Schwups standen die Besucher auch schon im Eingang. Ich noch immer verwirrt in meinem Satin Mäntelchen und zwei voll uniformierte Justiz Vollzugsbeamte. ‚Moin Moin,‘ sagte der eine zu mir. Ich dachte nur, was wohl die Nachbarn denken, wenn hier am dritten Tag direkt das Gesetz vorbei schaut und gleichzeitig, was wohl die zwei denken, warum ich um 9 Uhr morgens im Bademantel Bilder verkaufe… Es war herrlich.

Nächstenliebe von den Besten:

Zum Abschluss möchte ich mich für ganz viel Nächstenliebe bei Freunden und Familie bedanken. Viele Leute haben uns geholfen. Nicht nur einmal, sondern einige Tage und Stunden und das, ist gerade in der heutigen Zeit nicht mehr selbstverständlich. Gerade dann, wenn man Hilfe braucht, zeigt sich bei vielen Menschen der Grad der Bereitschaft. Dabei geht es noch nicht mal darum, dass man tatsächlich vor Ort ist, sondern einfach darum, seine Hilfe aktiv anzubieten. Dass man weiß, wenn alle Stricke reißen, kommt da noch jemand. Einige Leute, von denen ich mir Bereitschaft gewünscht hätte, haben keine gezeigt. Andere, haben mich mit sehr viel Bereitschaft überrascht.

Ich finde nicht, dass jeder immer für den anderen parat stehen muss. Jeder hat seinen Alltag, seine Probleme und Bedürfnisse, und niemand sollte seine, über die von anderen stellen. Aber ich habe mal gelernt, dass man für echte Freunde da ist, wenn sie einen brauchen. Auch, wenn es gerade bequemer wäre, einfach liegen zu bleiben.

 

In diesem Sinne noch ein lieber Gruß an alle da draußen, die gerade umziehen oder im Begriff dessen sind:

Haltet durch! Ihr schafft das 🙂

Was habe ich daraus gelernt:

Ich werde im nächsten Leben Minimalist 😉

 

Danke für’s vorbei schauen. Ich bin zurück und ich freue mich auf ganz viele neue Beiträge für Euch.

 

 

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